Eine notwendige Zäsur 

Jahrelang war der Markt für BI- und Analytics-Ressourcen von einem klaren Muster geprägt: hoher Nachfrageüberhang, knappe Kapazitäten, Projekte unter Zeitdruck. „Kapazität um jeden Preis“ war oft die einzige Möglichkeit, Initiativen überhaupt ins Laufen zu bringen.

Im Jahr 2026 hat sich diese Dynamik spürbar verändert. Nicht, weil der Bedarf an Datenlösungen gesunken wäre, sondern weil sich die Art der Nachfrage grundlegend verschoben hat. Budgets werden kritischer hinterfragt, Prioritäten neu gesetzt, und der Fokus verlagert sich von reiner Umsetzung hin zu messbarer Wertschöpfung, Stabilität und architektonischer Nachhaltigkeit.

Was wir aktuell sehen, ist kein Einbruch. Es ist eine Marktkorrektur der Erwartungshaltung.


Entspannung am Markt, aber nicht dort, wo es zählt 

Die Marktsignale sind eindeutig: Die Nachfrage nach IT- und BI-Ressourcen hat sich abgekühlt, die Verfügbarkeit externer Kapazitäten ist gestiegen. Der Hays Fachkräfte-Index IT erreichte 2025 einen der niedrigsten Stände seit der Pandemiephase, und aktuelle Freelancer-Befragungen zeigen eine deutlich höhere Unsicherheit in der Anschlussbeauftragung.

Für Einkauf und Controlling klingt das zunächst nach einer willkommenen Chance zur Kostenoptimierung. Doch genau hier liegt die kritische Weichenstellung. Denn während die Verfügbarkeit von Ressourcen steigt, nehmen die technischen Komplexitäten, Plattformabhängigkeiten und Anforderungen an die Governance gleichzeitig zu. Die eigentliche Engstelle liegt heute nicht mehr in der Besetzung, sondern in der Lieferfähigkeit.


Der Denkfehler:
Warum mehr Ressourcen kein geringeres Risiko bedeuten 

In der aktuellen Marktlage ist die Verlockung groß, auf kurzfristig verfügbare Einzelressourcen zu setzen, um Vakanzen schnell zu schließen. Aus unserer Projektpraxis sehen wir jedoch, dass Kapazität allein kein Garant für Projekterfolg ist. Ohne klare Strukturen steigt das Delivery-Risiko durch dreizentrale Faktoren:

  • Bus-Factor und Wissensabhängigkeit: 
    Wenn Architekturwissen nur an einzelnen Köpfen hängt, entstehen fragile Abhängigkeiten. Ein Abgang führt sofort zu Wissensverlust und teuren Nacharbeiten.
  • Architektonische Fragmentierung: 
    Ohne integriertes Team-Gefüge entstehen Insellösungen. Diese funktionieren punktuell, erschweren aber die langfristige Wartung und Skalierung erheblich.
  • Fehlende Governance-Tiefe: 
    Einzelressourcen liefern oft das, was explizit beauftragt wurde. Die Verantwortung für Plattformintegrität und Sicherheit bleibt dabei häufig ungeklärt.

Was heute durch günstigere Kapazität eingespart wird, wird morgen durch Rework und Betriebsprobleme oft mehrfach bezahlt.

Ownership statt Auslastung:
Die Währung der nächsten Jahre 

Unternehmen, die in diesem Umfeld erfolgreich agieren, investieren nicht in Stunden, sondern in Ownership und Ergebnisverantwortung. Sie suchen Partner, die bereit sind, Verantwortung für das Gesamtsystem zu übernehmen, statt lediglich Tickets abzuarbeiten.

Mehr Verfügbarkeit hilft wenig, wenn am Ende niemand Verantwortung für Betrieb, Definitionen und Qualität trägt.

Drei typische Beispiele:

  • Case A (Governance/Ownership)
    Wir haben in den letzten Monaten mehrere Analytics-Projekte übernommen – immer das gleiche Bild: kaum Dokumentation, keine Governance, keine Ownership. Reports sind „fertig“, aber KPI-Definitionen sind unklar, Zahlen widersprechen sich, und niemand weiß, wer die Mapping-Excel gebaut hat oder künftig pflegt.
    Ergebnis: Zahlenstreit statt Entscheidungen.

  • Case B (Single Point of Failure)
    In einem anderen Fall hing die Datenpipeline faktisch an einer Person. Als sie weg war, gab es keine handlungsfähige Übergabe: Deployments wurden gemieden, Incidents nur notdürftig gelöst, Änderungen passierten mit Bauchgefühl.
    Ergebnis: Stillstand trotz verfügbarer Kapazitäten.

  • Case C (Kosten/Qualität)
    Klassiker: MVP schnell gebaut, aber ohne Monitoring, Cost-Guardrails und klare Qualitätskriterien. Nach wenigen Wochen laufen Jobs unnötig oft, Transformationen passieren doppelt, und die Kosten steigen leise, bis Finance nachfragt. Danach beginnt die eigentliche Arbeit: stabilisieren, vereinheitlichen, messbar machen.

 

Bewährte Muster für lieferfähige BI-Setups 

In einem Marktumfeld, das Substanz belohnt, kristallisieren sich klare Erfolgsfaktoren heraus:

  • Data Products statt Einmal-Reports
    Datenlösungen werden als Produkte mit klarer fachlicher Verantwortung entwickelt, dokumentiert und messbar im Business-Nutzen.
  • Architektonische Integrität
    Jetzt ist der Zeitpunkt, technische Schulden abzubauen. Saubere, herstellerunabhängige Architekturen sind die Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit.

  • Operational Excellence & Cost Control
    Lieferfähigkeit umfasst heute zwingend die kontinuierliche Transparenz über Performance und Betriebskosten.
  • Governance als Enabler
    Klare Regeln beschleunigen die Delivery, statt sie zu bremsen.

  • AI-Readiness
    Ohne saubere Datenmodelle und Ownership wird AI nicht skalieren, sondern lediglich neue Risiken erzeugen.


Der inics Realitätscheck:
Fünf Fragen zur Standortbestimmung 

Für eine ehrliche Einschätzung der eigenen Lieferfähigkeit helfen fünf Fragen:

  1. Ist geschäftskritisches Domänenwissen redundant gesichert oder an einzelne Köpfe gebunden?
  2. Folgt unsere Datenarchitektur klaren, nachvollziehbaren Standards?
  3. Besteht volle Transparenz über die langfristigen Plattformkosten?
  4. Können wir Datenqualität und Integrität automatisiert nachweisen?
  5. Sichern wir uns verlässliche Projektergebnisse oder kaufen wir lediglich Kapazität?

-> Wenn mehr als zwei dieser Fragen Unsicherheit auslösen, liegt meist kein Ressourcen-, sondern ein Strukturproblem vor.

Fazit – Qualität als stabilisierende Kraft 

Die aktuelle Marktkorrektur ist kein Signal für den billigen Einkauf. Sie ist ein Stresstest für die Delivery-Fähigkeit. Die Gewinner der kommenden Jahre sind jene, die Ownership ernst nehmen, Architektur bewusst gestalten und Verantwortung für echte Ergebnisse übernehmen. Der Markt honoriert keine Kapazität mehr, sondern Verlässlichkeit.

Foto von Thomas Howert

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Thomas Howert

Gründer und Business Intelligence Experte seit über 10 Jahren.

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